„Leugnen darf nicht sein“ – Auschwitz-Überlebende erzählt von ihrem Schicksal

Im Rahmen ihres 3-tägigen Geschichtsprojektes in der KZ-Gedenkstätte in Dachau trafen sich die Schüler der Ganztagsklasse M 8b der Sportmittelschule mit der Holocaust-Überlebenden Dr. Eva Umlauf zu einem Zeitzeugengespräch. „Ich bin 75 Jahre alt und eine der Jüngsten und wohl eine der Letzten, die Ausschwitz überlebt hat und noch davon erzählen kann. Bald wird es niemanden mehr von uns geben. Deshalb ist es ganz, ganz wichtig, dass wir Überlebenden euch mit auf den Weg geben, was damals passiert ist. Und dass man das nicht nur aus den Büchern liest, sondern ihr jemanden seht, der mit euch spricht.“ In der Gedenkstätte für die Studenten der „Weißen Rose“ in München traf sich Dr. Eva Umlauf mit den Hauzenberger Schülern und erzählte ihnen ihre Lebensgeschichte. Zur Welt kam sie 1942 in einem Arbeitslager für Juden in der Slowakei, mit 2 Jahren wurde sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. „Haben sie persönliche Erinnerungen an diese Zeit?“, will gleich eine interessierte Schülerin wissen. Als zweijähriges Mädchen hat sie keine bewussten Erinnerungen gespeichert, aber viel Unbewusstes blieb erhalten, das ihr Leben geprägt hat, so die Kinderärztin Dr. Umlauf. Sie spricht von „Gefühlserbschaften“. Von ihrer Mutter hat sie erfahren, was damals in Auschwitz geschah. Die Häftlinge waren alle dem Tod geweiht. Wer nicht sofort vergast wurde, der verhungerte oder starb an Krankheiten. Man geht heute von bis zu 1,5 Millionen Ermordeten aus, die meisten von ihnen waren Juden. Eva und ihre Mutter hatten Glück, unglaubliches Glück. Dass sie im Konzentrationslager nicht sofort ins Gas geschickt wurden, verdanken sie allein der Tatsache, dass die SS zwei Tage zuvor mit der Vergasung aufgehört hatte, aus Angst vor der nahenden Roten Armee. An der Rampe hat der Vater, Mutter und Tochter das letzte Mal gesehen. Er wurde noch kurz vor Kriegsende in Mauthausen ermordet. Von ihrer Mutter weiß Eva auch, wie ihnen in Auschwitz die Häftlingsnummern eintätowiert wurden, 26 958 und 26 959. Ein Symbol vollkommener Entmenschlichung. In ihrem Buch „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ hat sie davon eindrucksvoll berichtet und jetzt liest sie daraus vor. „Haben Sie diese Nummer heute noch?“, fragt ein bewegter Schüler gleich nach. „Die Nummer ist ein Teil meines Lebens, sie gehört zu mir und ist auch innerlich eingebrannt. Deshalb habe ich sie mir nicht wegmachen lassen“, berichtet sie und zeigt den erstaunten Schülern die Tätowierung auf dem Unterarm. Es ist still geworden. Dann erzählt sie von einem bedrückenden Erlebnis mit einer jungen, unwissenden Krankenschwester. „Was haben Sie sich denn da hingeschmiert? Sind sie nicht schon zu alt für ein Tattoo?“, will sie von ihr wissen. „Eine Telefonnummer“, antwortet die Holocaust-Überlebende mit einem bitteren Lächeln. Aber es gab auch eine andere Erfahrung. Ein junger Mann entdeckte im Sommer in einer U-Bahn die Tätowierung am Unterarm. Kurz bevor er ausstieg, sprach er sie an: „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, für das, was meine Vorfahren Ihnen angetan haben.“ In der Häftlingsnummer sieht die Überlebende des Völkermordes aber auch einen Auftrag für sich, nämlich Zeugnis abzulegen, für das was damals geschah und besonders jungen Menschen, als Zeitzeugin davon zu berichten. Dass die kleine Eva die Hölle von Auschwitz überlebt hat, verdankt sie vor allem ihrer Mutter. „Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben,“ diagnostizierte im Januar 1945 ein Häftlingsarzt. Er hatte die Rechnung aber ohne die aufopfernde Fürsorge von Evas Mutter gemacht, die das abgemagerte und todkranke Kind am Leben erhielt. Die Frage, ob sie in Auschwitz auch dem berüchtigten Arzt Dr. Mengele begegnet sei, kann sie nicht beantworten. „Möglich, aber ich weiß es nicht“. Bis heute hat sie aber eine panische Angst vor Ärzten in weißen Kitteln und mit Spritzen. Ein Erbe der Vergangenheit? Warum sie ausgerechnet Kinderärztin werden wollte, fragt eine andere Schülerin. „Es ist die beste Möglichkeit, Kinder von ihrem Leiden zu befreien. Das habe ich schon immer gewollt. Sicher haben auch meine frühen Erlebnisse zu diesem Berufswunsch geführt. Die Vergangenheit hat halt meinen ganzen Lebensweg geprägt“, so Dr. Umlauf. Mit einem eindringlichen Appell an die Schülergruppe beendete die Auschwitz Überlebende nach fast 1,5 Stunden das berührende Gespräch: „Ich bin nicht hier um jemanden Schuldgefühle einzureden. Ich bin hier in der Hoffnung, dass ihr Verantwortung tragt für die Zukunft, für ein friedliches Miteinander der Menschen in unserem Land.“

Bild 1 Zeitzeugin Dr. Eva Umlauf (2. von rechts) umringt von den Hauzenberger Schülern und den Lehrkräften Theresa Rauch (hinten) und Hans Simmerl

Bild 2 Dr. Eva Umlauf – eine der letzten Überlebenden des Holocaust

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