Geschichtsexkursion an Orte des Gedenkens und Mahnens - Sportmittelschüler besuchen Lidice, Theresienstadt und Prag

Im Rahmen ihres Geschichts- und Religionsunterrichts unternahmen die Schüler aus den 9. Klassen der Sportmittelschule eine zweitägige Studienreise nach Tschechien. Sie tauchten ein, in das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, die Zeit des Nationalsozialismus und besuchten Schauplätze grauenvoller Verbrechen und unendlichen Leids in Böhmen, die Orte Lidice und Theresienstadt. Lidice war eine kleine Bergarbeitersiedlung, etwa 20 km westlich von Prag. Am 10. Juni 1942 wurde der Ort, als Racheakt für die Ermordung des NS-Statthalters Reinhard Heydrich, dem „Henker von Prag“, dem Erdboden gleichgemacht. In der Nacht wurde das Dorf von Polizei und Soldaten umstellt, alle 181 Männer über 15 Jahren wurden erschossen. 195 Frauen wurden in das KZ Ravensbrück deportiert, 52 wurden hier ermordet. Nach der Deportation der Einwohner wurde der Ort Lidice angezündet, gesprengt und eingeebnet. Die 98 Kinder des Dorfes wurden nach rassischen Kriterien aussortiert, 85 wurden in Chelmno in einem Gaswagen umgebracht, 13 blonde und blauäugige Kinder kamen zur „Germanisierung“ nach Deutschland. Nach dem Krieg wurden sie wiedergefunden, sie kehrten als Waisen zurück in ihr zerstörtes und ausgelöschtes Heimatdorf. Sichtlich betroffen wanderten die Schüler durch die Stätte dieses Massakers, vorbei an letzten steinernen Zeugnissen, wie den Fundamenten der einstmaligen Martinskirche und der Dorfschule. Still und bewegt verweilte die Gruppe an dem Ort, wo die Männer aus Lidice erschossen wurden. Als Zeichen des Erinnerns und Gedenkens zündete man für sie eine Kerze an. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ das anrührende Kunstwerk der tschechischen Bildhauerin Marie Uchytilova, das sie allen Kindern widmete, die im 2. Weltkrieg ihr Leben verloren. Hier wird ihr Leid vorstellbar und fassbar, der Betrachter wird unweigerlich emotional tief berührt. Schulleiter Hans Simmerl erzählte dabei von einer unvergesslichen Begegnung mit einer überlebenden Frau aus Lidice, bei einem früheren Besuch. Sie hatte in dieser Nacht zwei Kinder und ihren Ehemann verloren. „Freunde, ich habe keinen Hass auf euch Deutsche, aber ich kann denen nie verzeihen, die mir das angetan haben“, so beschloss sie damals ihre Führung im „Rosengarten des Friedens“ von Lidice. Nächste Station der geschichtsträchtigen Studienfahrt war Terezin (Theresienstadt). Die beeindruckende Festungsanlage aus dem 18. Jahrhundert wurde von den Nazis als Gestapo-Gefängnis genutzt. Bei einer Führung durch die „Kleine Festung“ erfuhren die Schüler von den menschenverachtenden, scheußlichen Verbrechen, die hier von den Nazischergen an den Gefangenen begangen wurden. Im Ghetto in Theresienstadt wurden vor allem die Juden aus Böhmen und Mähren inhaftiert, bevor sie in das Vernichtungslager Auschwitz weiter transportiert wurden. Auch für Propagandazwecke wurde das KZ genutzt. Es sollte der Welt vermitteln, dass die Juden in ihrem Ghetto gut behandelt würden. So wurde hier auch ein Film gedreht, der die Lebensbedingungen der Juden völlig verfälschte. Beim Besuch des jüdischen Friedhofes gedachten die Sportmittelschüler der über 30 000 Toten, die hier in Theresienstadt ermordet wurden und auch der 100 000 Juden die von hier in die Gaskammern nach Auschwitz deportiert wurden, darunter 15000 Kinder. Den Abend verbrachte die Gruppe im nahegelegenen Litomerice (Leitmeritz), einer der ältesten und schönsten Städte in Tschechien mit vielen malerischen Häusern und Kirchen. Der zweite Tag der Exkursion führte die Gruppe nach Prag. Bei einem ausgedehnten Spaziergang zeigte ihnen Reiseführer Klaus Kreuzer viele Sehenswürdigkeiten der „Goldenen Stadt“ an der Moldau. Der Fußweg führte von der Aussichtsplattform am Letna Hügel hinunter zur Moldau und über die Cech-Brücke durch das jüdische Viertel zur Altneusynagoge. Der historische Stadtteil ist so gut erhalten, weil Hitler hier ein Museum für die ausgerottete jüdische Rasse plante. Vorbei am Geburtshaus von Franz Kafka ging es weiter zum weltberühmten Altstädter Ring. Nach einer kurzen Besichtigung der Jakobskirche folgte die Schülergruppe dem ehemaligen Krönungsweg zum Pulverturm und weiter zum geschichtsträchtigen Wenzelsplatz. Viel Zeit nahm man sich am Denkmal für Jan Palach und Jan Zajic, zwei jungen Studenten, die sich hier im Sommer 1968 aus Protest gegen den Einmarsch russischer Soldaten in die Tschechoslowakei selbst verbrannten. Nach der wohlverdienten Mittagspause durften die Schüler auf eigene Faust den Prachtboulevard am Wenzelsplatz erkunden. Anschließend ging es über die Nationalstraße, vorbei an der Gedenkstätte für die „Samtene Revolution“ (1989), zum Nationaltheater an die Moldau. Hier bot sich ihnen ein wunderbarer Blick auf die Karlsbrücke, die Burg und den Veitsdom. Entlang der Moldau ging es weiter zur Karlsbrücke und hinüber zur Kleinseite. Nach einem Abstecher zum Kafkamuseum kehrten die Sportmittelschüler mit vielen neuen Eindrücken von der „Goldenen Stadt“ zurück zum Ausgangspunkt. Den Abschluss der Studienfahrt bildete auf dem Heimweg der Besuch der berühmten Wallfahrtsstätte auf dem Heiligen Berg in Pribram. Aus dem Vergangenen für die Gegenwart und Zukunft lernen, das war das Ziel dieses, von Euregio geförderten, zweitägigen Geschichtsprojektes in Tschechien. An authentischen Lernorten wurden die Schüler mit brutalsten Verstößen gegen die Menschenwürde in der NS-Zeit und im Unrechtssystem des Kommunismus konfrontiert, aufgeklärt und informiert, damit sie ihren Teil dazu beitragen können, dass sich so etwas nie mehr wiederholt und dass die Opfer nicht vergessen werden.

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